Im Doppel-Interview berichten zwei Zahnärzte, beide Mitte 30, von ihrer Arbeit als Angestellter und als Selbständige.
Sebastian Blome, angestellt in Bingen am Rhein, war schon während seiner Schulzeit zum Betriebspraktikum bei einem Zahnarzt. Direkt nach dem Abitur absolvierte er eine Ausbildung zum Zahnmedizinischen Fachangestellten und arbeitete auch während des Studiums nebenher als ZFA.
Anne Szablowski kommt ursprünglich aus Düsseldorf, hat in Hannover studiert und ist der niedersächsischen Landeshauptstadt auch danach treu geblieben. 2021 eröffnete sie mit einem Freund in der Nähe von Hannover, in Engelbostel, eine eigene Praxis.
Frau Szablowski, stand für Sie schon während des Studiums fest, dass Sie sich niederlassen möchten?
Anne Szablowski: Damals hatte ich mich gedanklich noch gar nicht so festgelegt. Ich hatte zwar das klassische Bild eines Zahnarztes mit eigener Praxis vor Augen, war aber auch für andere Möglichkeiten offen. Meinen Praxispartner, Dr. Alexander von Horn, habe ich im Studium kennengelernt. Wir haben uns immer gut verstanden und waren immer im Austausch über unsere berufliche Situation. Gerade auf dem Höhepunkt der Corona-Ppandemie stellten wir uns immer öfter die Frage, wie es weiter gehen könnte und wir freundeten uns immer mehr mit dem Gedanken der Selbständigkeit an. Wie es der Zufall wollte, bekamen wir sehr schnell auch die Möglichkeit, eine Praxis zu übernehmen.
Das heißt, die Patienten waren schon da. Haben Sie trotzdem viel investieren müssen?
Anne Szablowski: Allein schon der Praxiskauf bedeutete eine hohe Investition. Hinzu kam natürlich auch, dass die Praxis modernisiert und an die Bedürfnisse von zwei Behandlern angepasst werden musste. Wir haben ein weiteres Behandlungszimmer eingerichtet, ein neues digitales Röntgengerät gekauft und die Praxis komplett digitalisiert. Also ja, da sind schon hohe Investitionen auf uns zugekommen.
Bekommt man da manchmal Panik?
Anne Szablowski: Ja, selbstverständlich! Wenn man aus dem Angestelltenverhältnis kommt, hat man in der Regel nicht mit so hohen Summen zu tun. Es ist schon krass, aber man muss seinem Businessplan vertrauen und hoffen, dass man mit der Praxis Erfolg hat.
Haben Sie auch die Mitarbeitenden übernommen?
Anne Szablowski: Wir haben zunächst mit dem Team unseres Vorgängers zusammengearbeitet. Es zeigte sich aber dass unsere Praxisphilosophie nicht mit den Vorstellungen der Angestellten übereinstimmte. So war zum Beispiel die Digitalisierung der Praxis eine zu große Umstellung für das Team, das Jahre lang nur mit Karteikarten gearbeitet hatte. Solche Änderungen sind ja oft schwer zu akzeptieren. Wir mussten uns dann schon recht bald neue Leute suchen – zusätzlich zu den anderen Herausforderungen, die auf uns zukamen: So galt es, die Praxisabläufe zu organisieren und die Rollen zu verteilen. Anders als ein Assistenzzahnarzt, der in ein bestehendes System integriert wird, muss man in der eigenen Praxis Strukturen erst aufbauen und auch noch Patienten akquirieren.
Kannten Sie die Arbeitsweise Ihres Vorgängers?
Anne Szablowski: Tatsächlich habe ich vor der Übernahme einen Monat mit ihm zusammengearbeitet. Das war gut, um mir ein Bild davon zu machen, wie er seine Praxis führt. Er nutzte zahnmedizinische Konzepte seiner Generation, die den damaligen Studiumsinhalten entsprachen. Diese stimmten aber nicht mit unserer Praxisphilosophie. überein. Dadurch standen wir vor der Herausforderung im Umgang mit dem alten Patientenstamm des Vorgängers. Wir mussten zunächst kämpfen und Überzeugungsarbeit leisten, das heißt, vor allem sehr viel mit den Patienten reden und weniger behandeln.
Das Problem mit fehlendem Personal kam noch hinzu. Wir hatten Glück, dass wir zu zweit sind. Wir haben uns gegenseitig assistiert, um den Personalmangel auszugleichen. Relativ schnell konnten wir wieder ein neues Team auf die Beine stellen und einen geregelten Praxisablauf etablieren, obwohl der Fachkräftemangel bis heute sehr belastend für eine Zahnarztpraxis ist. Was ich daraus gelernt habe: Man sollte tatsächlich darauf achten, dass man bezogen auf den Vorgänger kein vollkommen gegensätzliches Konzept hat, bzw. dass der Übergang nicht zu abrupt erfolgt.
Sebastian Blome: Das klingt nach großen Herausforderungen.
Anne Szablowski: Zur Beruhigung: Es klappt alles mit der Zeit.
Wie viel Zeit?
Anne Szablowski: Vor drei Jahren, in 2021 sind wir gestartet. Inzwischen hat sich alles gut eingespielt. Die Patienten, denen unser modernes Behandlungsspektrum nicht gefällt, dass wir zum Beispiel einen Intraoralscanner nutzen, Wert auf die Prophylaxe legen und digital gefertigten Zahnersatz anbieten, denen steht es frei, in eine andere Zahnarztpraxis, die ihren Vorstellungen entspricht, zu wechseln. Das ist ja auch okay. Unsere jetzigen Patienten wissen, welche Vorteile eine moderne Zahnarztpraxis für sie bietet und wollen auch genau deshalb zu uns.
Herr Blome, Sie haben bereits in Ihrer Ausbildung und später als angestellter ZFA verschiedene Praxiskonzepte kennengelernt.
Sebastian Blome: Genau. Ich bin jetzt tatsächlich in der Praxis angestellt, in der ich auch während des Studiums als ZFA gearbeitet habe. Ich hatte immer ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Arbeitgebern, sowohl in der Ausbildung als auch später in meiner ersten Anstellung als Zahnarzt in Heidelberg und jetzt in Bingen. Das heißt, dass ich dadurch vielleicht die Möglichkeit hatte, ein bisschen mehr kennenzulernen als der klassische Angestellte. Die Praxis in Heidelberg war zum Beispiel eine Neugründung von einer Zahnärztin und einem Oralchirurgen, die mich von Anfang an in die Praxisplanung einbezogen haben. Wir haben beispielsweise zusammen Instrumente ausgesucht, haben überlegt, welche Gerätschaften und Materialien benötigt werden und gemeinsam darüber nachgedacht, wie man gewisse Praxisabläufe organisieren könnte. Im meiner jetzigen Anstellung legt mein Chef großen Wert darauf, dass ich betriebswirtschaftlich viel mitnehme und mir bewusst mache, welche Praxiskennzahlen wichtig sind beziehungsweise wie diese und durch was diese beeinflusst werden. Er geht mir gegenüber sehr transparent damit um und wir tauschen häufig unsere Meinungen zu vielen Dingen die Praxis betreffend aus.
Sicher profitiert er auch von einem interessierten Mitarbeiter.
Sebastian Blome: Wir sprechen ganz offen und konstruktiv über Veränderungsvorschläge und neue Ideen, die den Praxisalltag und die -abläufe positiv beeinflussen könnten und setzen diese dann zeitnah um. Wenn man einen zahnärztlichen Kollegen oder eine zahnärztliche Kollegin hat, hat man zudem diesen kollegialen Austausch, der über den Kontakt zu den Zahnmedizinischen Angestellten hinausgeht. Da ist jemand, der hat das Gleiche im Studium miterlebt, jemand, der ebenfalls behandelt und der sich manchmal über die gleichen Dinge aufregt oder sich Gedanken macht: Warum funktioniert das immer noch nicht? Wie können wir es so optimieren, dass das gesamte Team davon profitiert und alles entsprechend umgesetzt wird? Das ist, finde ich, immer sehr positiv, wenn man solche Gespräche auch führen kann, da dies einem das Gefühl vermittelt, nicht allein an allen Fronten zu kämpfen. Zugleich sehe ich jedoch auch, was für eine Riesenverantwortung mein Chef in allen Bereichen seiner Selbstständigkeit trägt.
Sind Sie in solchen Momenten froh, „nur“ angestellt zu sein?
Sebastian Blome: Ja, wobei ich das nur so sagen kann, weil wir ein wirklich gutes Miteinander haben, also im Team mit meinem Chef und meinem weiteren Kollegen, der zuvor Praxisinhaber war und seit Jahrzehnten als Zahnarzt tätig ist. Wir drei verstehen uns sehr gut und deshalb glaube ich, dass ich bezüglich meiner Anstellung in der aktuellen Praxis Glück hatte, wobei ich auch Vorteile in der Selbstständigkeit sehe. Aber vor der Verantwortung ziehe ich den Hut.
Was würde Sie da besonders abschrecken?
Sebastian Blome: Da sind zum einen die immensen Investitionen, unzähligen Regularien im Bereich der Hygiene, der zahnärztlichen Abrechnung, der Bürokratie und des Datenschutzes und zum anderen der Fachkräftemangel beziehungsweise das Problemmanagement mit dem bestehenden Personal, welches direkten Einfluss auf den Praxisalltag hat und sich gefühlt täglich mit einem völlig neuen Szenario befassen muss. Weiterhin ist da der betriebswirtschaftliche Aspekt, der direkt von unserer verheerenden Gesundheitspolitik im zahnmedizinischen Bereich beeinflusst wird. Durch die Budgetierung der BEMA-Leistungen zum Beispiel und die völlig unzureichende Honorierung dieser zahnärztlichen Leistungen ist meiner Ansicht nach eine vorausschauende und gesunde betriebswirtschaftliche Planung für das eigene Unternehmen nicht möglich. Der Schwarze Peter für die Verfehlungen unserer Gesundheitspolitik landet bei uns Zahnärzten im Behandlungszimmer und schürt den Unmut der Patienten uns gegenüber. Ich versuche mich zwar so viel wie möglich miteinzubringen, aber angesichts der oben beschriebenen Aspekte denke ich hin und wieder: Gott sei Dank bist du angestellt, du gehst heute Abend nach Hause und trägst keine direkte Verantwortung und bist nicht direkt dieser Art von gesundheitspolitischer Willkür ausgesetzt. Dennoch wird mir zunehmend bewusster, dass die Folge aus dieser Willkür durchaus sein könnte, dass sich viele Praxen, wenn es zu keinen Veränderungen kommt, langfristig keinen angestellten Zahnarzt mehr „leisten“ können.
Können Sie sich vorstellen, sich vielleicht später doch selbstständig zu machen?
Sebastian Blome: Im Studium habe ich immer gedacht, dass ich nicht selbstständig sein möchte. Als Angestellter gehst du deinen Ideen in dem dir möglichen Rahmen nach und denkst, das wird schon irgendwie funktionieren und dich zufrieden stellen. Aber je mehr ich weiß und verstehe, desto stärker meldet sich der Gedanke: Vielleicht wäre eine Selbstständigkeit trotz aller Hindernisse doch etwas Gutes. Man kann sein Konzept so gestalten, wie man möchte. Es gibt unzählige Für und Wider und vielleicht muss man einfach irgendwann ins kalte Wasser springen.
Anne Szablowski: Also ich würde sagen, du hast in deiner Praxis scheinbar sehr gute Voraussetzungen, um dich selbstständig zu machen. Was deine Chefs dir alles zeigen und beibringen, ist toll.
Sebastian Blome: Ja, dafür bin ich auch wirklich sehr dankbar.

Anne Szablowski © Jesse Wiebe

Sebastian Blome
Den Statistiken zufolge schneiden Selbständige aber beim Einkommen besser ab als Angestellte.
Sebastian Blome: Ja, davon gehe ich aus.
Anne Szablowski: Mit der Interpretation solcher Statistiken muss man sehr vorsichtig sein und darf nicht pauschalisieren. Die Einkünfte eines selbständigen Zahnarztes lassen sich nicht mit dem Nettogehalt eines Angestellten vergleichen. Allein die Summen für Versicherungen verschlingen einen Großteil des Einkommens. Der Kredit muss abbezahlt werden, Rücklagen müssen gebildet werden, die Krankenversicherung, Miete, Strom, Gas und viele weitere Posten sind zu bezahlen. Da kommt einiges an Fixkosten zusammen.
Haben Angestellte mehr Freizeit?
Sebastian Blome: Das ist auf jeden Fall so nach meinem Empfinden, obwohl ich mich auch in meiner Freizeit viel mit der Praxis beschäftige. Das ist, glaube ich, mein ZFA-Syndrom.
Anne Szablowski: Ich hatte schon immer die Gewohnheit, Arbeit gedanklich mit nach Hause zu nehmen. Auch als Angestellte habe ich mir überlegt, wie wir Prozesse in der Praxis optimieren können. Ich hatte also schon damals ein Verantwortungsgefühl gegenüber der Praxis, habe mich mit ihr identifiziert. Auch in dieser Zeit wurde ich vereinzelt in den Ferien angerufen, wenn es um wichtige Informationen zu einem Patienten ging. Aber trotzdem konnte ich meinen Urlaub als Urlaub genießen – und das Gefühl hat man als Selbstständiger oft nicht. Meistens passiert irgendetwas, wenn man gerade nicht vor Ort ist. So hatten wir in einem meiner letzten Urlaube einen Wasserschaden in der Praxis, sodass ich im Urlaub doch zum Telefon greifen musste, um mit den Handwerkern oder der Versicherung zu telefonieren. Inzwischen sind wir aber so eingespielt, dass der andere solche Notsituationen abpuffert und den Urlauber möglichst in Ruhe lässt.
Gibt es eine Arbeitsteilung zwischen Ihnen und Ihrem Praxispartner?
Anne Szablowski: Ja, wir haben nicht von Beginn an Aufgaben zugewiesen, aber es hat sich herausgestellt, dass wir uns sehr gut ergänzen. Mein Kollege erledigt gerne den bürokratischen Teil unserer Arbeit, während mir persönlich das Personalmanagement und der Kontakt mit dem Personal mehr entgegenkommt. Wir hatten eine Zeit lang mehrere Azubis in der Praxis. Die Ausbildung der jungen Menschen macht mir viel Freude, ich musste allerdings lernen, mich nicht zu sehr vereinnahmen zu lassen und die berufliche Distanz zu wahren. Das Personalmanagement ist immer wieder eine neue, große Herausforderung. Mittlerweile haben wir unser Team gut zusammengestellt, aber bis dahin war das eine lange Reise.
Worauf sollte man achten, wenn man sich einen Praxispartner sucht?
Anne Szablowski: Es sollte menschlich passen. Das finde ich sehr wichtig. Man muss auf gleicher Wellenlänge sein, sich aber auch ergänzen können. Es ist ein bisschen wie beim Dating: Die Wertvorstellungen sollten die gleichen sein, wenn es hart auf hart kommt. Wie in jeder Partnerschaft ist auch eine gute Kommunikation essentiell. Man muss im hektischen Alltag immer in Kontakt bleiben und miteinander sprechen.
Haben Sie vor, einen Kollegen in der Praxis anzustellen?
Anne Szablowski: Das ist im Moment nicht geplant. Ich fände es zwar spannend, mit jüngeren Kollegen zusammenzuarbeiten, denn dabei lernt man auch selbst immer etwas Neues. Leider können wir dies aufgrund der aktuellen Budgetierung und vor allem wegen des Fachkräftemangels nicht umsetzen. Wir haben derzeit nicht genug ZFAs, um die Assistenz am Stuhl von drei Zahnärzten gewährleisten zu können. Eine Kollegin von mir, die selbstständig ist, musste jetzt sogar ihrem angestellten Zahnarzt aus den genannten Gründen kündigen.
Was wäre Ihr Rat auch an Studierende oder junge Kolleginnen und Kollegen? Eher eine Anstellung oder gleich die eigene Praxis starten?
Anne Szablowski: Wer sein Examen in Deutschland macht, muss die zweijährige Assistenzzeit absolvieren. Diese Zeit ist auf jeden Fall sinnvoll. Ich habe danach noch drei Jahre angestellt in der Praxis gearbeitet, also insgesamt war ich fünf Jahre angestellt. Ich würde sagen, dass dies ein guter Weg war. Denn nach Abschluss der Assistenzzeit, nach zwei Jahren, ist man noch nicht mit allen anfallenden Arbeiten vertraut und hat zu wenig Erfahrungen gesammelt. Als Selbständiger ist man nicht nur Zahnarzt. Die Selbstständigkeit erfordert eine Auseinandersetzung mit vielen fachfremden Inhalten: BWL, Steuerrecht, Arbeitsrecht, zumindest in den Ansätzen. Zusätzlich sind IT-Fachkenntnisse notwendig, das heißt Kenntnisse von Soft – und Hardware zu haben, sowie sich mit der Telematik auskennen. Ich denke, das kann man erst schaffen, wenn die Behandlung routinierter ablaufen kann. Da noch unsicher zu sein, wäre mir zu gefährlich.
Sebastian Blome: Man muss sich fragen: Bin ich denn der Typ für eine Selbstständigkeit? Was ich immer ein bisschen als schade empfunden habe, ist, dass viele während des Studiums oder während der vorlesungsfreien Zeit keine Praktika oder Nebenjobs in Zahnarztpraxen, beziehungsweise zahntechnischen Laboren gemacht haben. Wenn ich die Ausbildung vorher nicht absolviert hätte, wäre ich aufgeschmissen gewesen. Man kann sich nicht vorstellen, was einen nach dem Studium erwartet. Man muss unzählige Dinge gleichzeitig lernen und am besten auch direkt können, das Behandeln läuft dadurch häufig nebenher, weil man eben eine Million andere Sachen drum herum erledigen und bedenken muss.
Anne Szablowski: Ganz wichtig finde ich, dass Zahnärzte sich mit Kollegen zusammentun. Seit ich im Bundesvorstand bin, lerne ich viele Leute kennen und denke mir oft: Hätte ich sie damals gekannt, wäre es mit der Praxisgründung etwas einfacher gewesen. Die Kollegen haben viel Erfahrung und wollen auch helfen. Ich bin der Meinung, dass man außer einem guten Steuerberater keine weiteren Berater benötigt. Frag einfach Zahnärzte, die selbstständig sind, die diesen Prozess schon erfolgreich durchgemacht haben. Die meisten Kollegen sind bereit, ihre Erfahrungen zu teilen. Das ist mir im Kontakt mit den Kollegen im Freien Verband schon mehrfach zuteilgeworden.
Hatten Sie Vorbilder im Familien- oder Bekanntenkreis?
Anne Szablowski: Meine Eltern sind beide keine Zahnärzte. Bei mir gab es ein Vorbild im Bekanntenkreis, nämlich meine ehemalige Latein-Nachhilfelehrerin. Sie hat Zahnmedizin studiert, als ich in der siebten Klasse war. Dadurch bin ich auf die Idee gekommen. Ich durfte ihr in der Assistenzzeit beim Arbeiten über die Schulter schauen und auch in ihrer späteren eigenen Praxis war ich fast täglich zu finden. Vor meinem Studium habe ich bei ihr auch das erste Jahr der ZFA-Ausbildung gemacht, bis ich meinen Studienplatz hatte.
Wie war das bei Ihnen, Herr Blome?
Sebastian Blome: Ich hatte niemanden in meiner Familie oder in meinem Umfeld, der den Beruf macht. Man muss sich im Verlauf sein Umfeld schaffen. Aber auch ohne Vorbild bin ich da, wo ich jetzt bin, richtig und fühle mich wohl. Ich liebe meinen Beruf und das Arbeiten fühlt sich für mich fast wie Urlaub an und das ist ein gutes Zeichen, denke ich. Einen Plan B hatte ich nie.
Die Konstellation, in der wir hier sitzen, ist eigentlich unüblich. Statistisch gesehen machen sich Männer früher und häufiger selbständig und Frauen sind eher in einem Angestelltenverhältnis.
Sebastian Blome: Mit meiner ZFA-Ausbildung war ich damals schon ein Exot. Wenn, dann lernen Männer eher Zahntechniker vor dem Studium. Ich hatte nach meiner ersten Ausbildung auch kurz überlegt, noch diese zweite Ausbildung zu absolvieren. Tatsächlich kenne ich keine weibliche Kommilitonin, die sich schon selbstständig gemacht hat. Oder ich weiß einfach noch nichts davon! Ob die vorsichtiger sind? Das kommt immer auf den Typ Mensch an, denke ich. Viele wollen vielleicht erstmal Berufserfahrung sammeln oder nicht die Verantwortung einer Selbstständigkeit tragen, was ich auch völlig verstehe. Ich bin aber auch erst im fünften Berufsjahr als Zahnarzt und denke, dass sich im Verlauf eventuell noch die ein oder andere meiner Kommilitoninnen selbstständig machen wird.
Anne Szablowski: Man umgibt sich ja immer mit Menschen, die ähnlich denken wie man selbst. In meinem Umfeld haben sich jetzt schon mehrere Kollegen selbstständig gemacht, darunter meine engsten Freundinnen aus dem Studium.
Gibt es Situationen, in denen Sie lieber angestellt wären?
Anne Szablowski: Seit mittlerweile zwei Wochen habe ich eine Bronchitis. Mein Partner, der angestellter Zahnarzt ist, ist ebenfalls erkrankt. Er war krankgeschrieben und ich habe in der Praxis gearbeitet. Sich selbst freigeben, ist immer schwieriger. Auch wenn das bei mir gerade nicht aktuell ist, frage ich mich schon: Wie ist das, wenn ich schwanger werden sollte? Eine Schwangerschaft kann super verlaufen. Dann kann ich mir das auch gut vorstellen, dass ich das trotz der Selbstständigkeit schaffe. Aber was ist, wenn es Komplikationen gibt, durch die ich nicht in der Praxis anwesend sein kann. Das ist für eine angestellte Zahnärztin klar geregelt, sie erhält ein Beschäftigungsverbot, ist aber dennoch abgesichert.
Wenn Sie von jetzt auf gleich tauschen könnten in das jeweils andere Karrieremodell, würden Sie das machen oder alles so belassen, wie es ist?
Sebastian Blome: Also mein ganz, ganz innerstes Bauchgefühl sagt tauschen.
Anne Szablowski: Du hast beste Voraussetzungen, würde ich sagen. Du weißt sehr gut über das Ganze Bescheid, vielleicht sogar mehr als ich Anfang 2021 wusste.
Sebastian Blome: Ja, aber du hast alles gelernt, auf eine ganz harte und schnelle Weise. Aber ganz im Ernst, ich würde tauschen. Das sage ich nicht, weil ich mit meiner Situation gerade unzufrieden bin, sondern weil ich schon häufiger drüber nachgedacht habe. Ich hätte auch schon jemanden im Kopf, mit dem man das machen könnte. Mehr als schiefgehen kann es ja nicht. Kann ja auch sein, dass ich übermorgen gekündigt werde, weil mein Chef denkt, aufgrund unserer Gesundheitspolitik kann ich das hier nur noch alleine machen. Lieber wäre mir allerdings ein weniger starker Cut.
Anne Szablowski: Das Gespräch habe ich oft mit selbstständigen Kollegen, vor allem wenn ein Tag mal schlecht läuft. Aber ich glaube, ich könnte nicht zurück. Ich bin einfach zu sehr an die selbständigen Abläufe gewöhnt. Wenn mir heute jemand sagen würde, wann ich kommen muss und wann ich gehen darf, ich glaube, das könnte ich nicht mehr aushalten.